Die Idee eines passiven Einkommens spricht Menschen an, die Sicherheit, Freiheit und Entlastung von finanziellem Druck suchen. Der Psychologe und Executive Coach Valentin Haas sagt, Versprechen in sozialen Medien, einen festen Betrag zu sparen und anschließend unbegrenzt davon zu leben, könnten Optimismus erzeugen, bevor überhaupt eine tatsächliche Veränderung eingetreten sei.
In der Praxis hängt passives Einkommen von mehreren Faktoren ab: vom Einkommen und den Ausgaben einer Person, von den Regeln für den Vermögensaufbau und davon, wie dieses Vermögen investiert wird, um regelmäßige Zahlungen zu generieren. Vollkommen müheloses Einkommen steht im Allgemeinen nur Menschen zur Verfügung, die erhebliche Vermögenswerte erben. Alle anderen müssen das Kapital zunächst verdienen und ansammeln.
Vollständig von Investitionen zu leben, ist für Arbeitnehmer besonders anspruchsvoll. Der Ruhestandsplaner Michael Huber sagt, selbst Menschen mit überdurchschnittlichen Gehältern müssten äußerst aggressiv sparen, wenn sie allein durch diszipliniertes Investieren früh in den Ruhestand gehen wollten.
Ein Beispiel verdeutlicht die Herausforderung. Eine 25-jährige Person mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.000 Euro, das jährlich um 5 % steigt, investiert die Hälfte jedes Monatseinkommens in einen ETF-Sparplan. Bei einer jährlichen Rendite von 7 % nach Kosten hätte der Anleger nach 25 Jahren und nach Steuern 1,75 Millionen Euro angesammelt. Die Inflation würde jedoch die künftige Kaufkraft dieses Betrags erheblich verringern.
Wenn der Anleger im Alter von 50 Jahren monatlich 5.000 Euro entnähme, würde das Geld 19 Jahre reichen, sofern es nicht mehr investiert würde. Bei einer Rendite von 3,5 % während der Entnahmephase könnte es bis zum Alter von 77 Jahren reichen. Das Beispiel setzt ein stetiges Gehaltswachstum, kontinuierliches Sparen und eine relativ stabile Inflation voraus. Huber bezweifelt, dass diese Annahmen realistisch bleiben, insbesondere wenn die Ausgaben im Zusammenhang mit der Familie steigen.
Passives Einkommen als Ergänzung zur gesetzlichen Rente zu planen, gilt als realistischer. Finanzplaner empfehlen häufig, nach dem Ruhestand über etwa 80 % des letzten Nettoeinkommens zu verfügen. Ein früher Beginn ist entscheidend: Wer 30 Jahre lang monatlich 950 Euro bei einer durchschnittlichen Rendite von 7 % nach Kosten investiert, könnte nach Steuern fast 1 Million Euro erzielen. Bei einer verfügbaren Zeit von nur 15 Jahren müsste der monatliche Beitrag auf etwa 3.400 Euro steigen, um denselben Betrag anzustreben.
Eine Kapitalbasis von 1 Million Euro könnte inflationsbereinigte Zahlungen von monatlich 3.000 Euro über 21 Jahre ermöglichen, wenn das verbleibende Geld während der Entnahmephase nicht investiert würde. Eine fortgesetzte Investition könnte die Zahlungen bei einer durchschnittlichen Rendite von 2,5 % auf 27 Jahre oder bei 3,5 % auf 32 Jahre verlängern. Wer im Alter von 67 Jahren mit den Entnahmen beginnt, könnte die Zahlungen unter diesen Annahmen daher möglicherweise bis zum Alter von 99 Jahren finanzieren.
Um die vollständige Million Euro 30 Jahre lang zu erhalten, müsste die monatliche Entnahme auf 2.000 Euro reduziert und eine Rendite von 3,5 % auf das verbleibende Vermögen erzielt werden.
Die zitierten Experten empfehlen, auch im Ruhestand weiter zu investieren und dabei den Bedarf an zuverlässigen Zahlungen gegen die Risiken von Marktschwankungen abzuwägen. Huber schlägt vor, das Portfolio in Zehnjahresabschnitte aufzuteilen. Das für das nächste Jahrzehnt benötigte Geld, der sogenannte Verbrauchsanteil, sollte defensiv investiert werden. Mittel, die zehn Jahre lang nicht benötigt werden, können einen Wachstumsanteil bilden, der stärker in Aktien investiert ist.
Bei einem 20-Jahres-Plan, der in zwei Zehnjahreszeiträume unterteilt ist, könnte etwa die Hälfte des Portfolios in festverzinslichen Anlagen investiert werden, während ein großer Teil des Rests in Aktien angelegt wird. Bei einem 30-Jahres-Plan, bei dem das Gesamtkapital nicht sinken soll, sollten in den ersten zehn Jahren der Entnahme mindestens 25 % in Anleihen gehalten werden. Das Portfolio sollte mindestens einmal jährlich wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Der Vermögensverwalter Christian Funke empfiehlt, für den Verbrauchsanteil Anleihen oder Anleihen-ETFs mit gestaffelten Laufzeiten zu verwenden, sodass jedes Jahr eine Tranche fällig wird. Die Erlöse können anschließend auf ein Tagesgeldkonto oder einen Geldmarkt-ETF übertragen werden, von dem aus regelmäßige Zahlungen auf das Girokonto erfolgen. Sobald eine Tranche verwendet wurde, sollte sie durch neue Anleihen oder eine neue Festgeldanlage ersetzt werden.
Der Anteil, aus dem diese Entnahmen wieder aufgefüllt werden, kann größtenteils aus Aktien bestehen. Gewinne können spätestens nach einem Jahr mitgenommen und in festverzinsliche Anlagen umgeschichtet werden. Auch dividendenzahlende Aktien können einbezogen werden, um regelmäßige Erträge zu generieren, doch sie beseitigen das Anlagerisiko nicht.
Funke warnt, dass ein Ungleichgewicht zwischen festverzinslichen Anlagen und Aktienbeständen Probleme verursachen kann. In schwachen Marktphasen könnten die Zahlungen entweder unzuverlässig werden oder auf einem Niveau fortgesetzt werden, bei dem das Portfolio früher als geplant aufgebraucht ist.
Die zentrale Erkenntnis lautet, dass ein einkommensgenerierendes Vermögen durch Investitionen möglich ist, aber nicht vollständig passiv ist. Der Aufbau des erforderlichen Kapitals erfordert Zeit und Disziplin, während seine Umwandlung in einen nachhaltigen Einkommensstrom eine regelmäßige Überwachung, Neugewichtung und Anpassungen an die Inflation voraussetzt.
Quellen: Handelsblatt.